Das Projekt Kuhgebundene Kälberaufzucht

Schon als Kind habe ich mich gefragt, warum die Kühe von den Kälbern getrennt werden. Es gibt viele Gründe dafür, aber auch welche dagegen. In der klassischen Milchviehhaltung ist es so üblich, Kuh und Kalb möglichst früh zu trennen.

Früher, als Kühe noch nicht so viel Milch gegeben haben, hat man sie getrennt, um dem Kalb nur eine begrenzte Menge am Tag abzugeben und den Rest für sich und die Familie zu nutzen. Außerdem war das Kalb zahm, wenn man es mit der Flasche groß gezogen hatte und es würde selbst mal eine umgängliche Milchkuh werden. Über die Jahre bekamen die Bauern immer weniger Geld für ihre Milch und die Ställe wurden über Jahrzehnte so konzipiert, das Kuh und Kalb ausnahmslos direkt getrennt wurden, weil es wirtschaftlicher, einfacher und übersichtlicher war. Kurzgesagt. Die meisten Bauern können sich, bei den heutigen vom Handel gemachten Preisen keinen Ammenstall, geschweige denn, die damit verbundenen Mehrarbeit leisten.

Zurück zu mir als Kind. Auch unser Hof war und ist so konzipiert. Wenn man Kuh und Kalb trennt, dann am besten am ersten Tag. Klingt schlimm, ist es aber nicht. Kühe brauchen mehrere Tage, um eine feste Bindung zu ihren Jungen aufzubauen und anders herum. Deshalb ist es für 90% der Kühe zum Glück nicht schlimm, direkt getrennt zu werden. Die Kälber sind da noch abgestumpfter. Sie erkennen diejenige Kuh als Mutter an, die sie trinken lässt. Dann sind da aber immer noch die 10% die anders ticken, wo das mit der Bindung schneller geht. So Helikopterkuhmuttis. Und um die geht es bei unserem Projekt. Nicht jede Kuh ist eine gute Mutter, andere um so mehr. Und nicht jedes Kalb ist intelligent genug, am Euter zu trinken. Klingt komisch, aber so ist die Natur.

Wir haben uns entschlossen einige Kälber mit einigen Kühen zusammen zu lassen. Das geht aber momentan nur von April - November auf der Weide, da im Winter noch nicht genug Platz für eine solche Aufzucht ist. Unsere Ställe sind eben 1981 und 2001 damals leider nicht dafür konzipiert worden. Nichts desto trotz werden jetzt schon 12 Kälber von 3-4 Kühen anstatt von uns groß gezogen. Sie entwickeln sich prächtig, lernen schneller das Sozialverhalten in der Herde und armen die alten beim fressen nach. Sie sind robuster und wachsen schneller, da sie unbegrenzt Milch zur Verfügung haben. Sie sehen glücklich aus, sind aber leider auch scheuer als die, die wir mit der Flasche groß ziehen. Und wir haben von diesen 4 Kühen keine Milch, die wir verkaufen könnten.

Ein Rechenbeispiel:

Das sind z.B. 25 l Milch/Kuh/Tag x 4 Kühe= 100l/Tag     100l/Tag x 305Tage* = 30.500l Milch      30.500l × 0,35 €**/Liter = 10.675€ Umsatz. Aber es geht ja bisher nur im Sommer also sind es "nur" 5337,5€ Umsatz, die verloren gehen, dann kommen da aber noch Futter, Wasser und Wiesenpachtkosten hinzu. Ca. 1000€. Ca. 6337,5€ für 12 glückliche Kälbchen.

Kein Wunder, dass so viele Landwirte das nicht machen können, selbst wenn sie wollten. Bei uns geht das auch nur, weil ihr mit dem Kauf unserer Milch aus der Milchtankstelle, automatisch unser Projekt unterstützt. Sollten sehr viele Leute die  Tankstelle nutzen, so schaffen wir es vielleicht sogar irgendwann einen kleinen Stall für Ammen und Kälber zu bauen, der es ermöglicht, das auch die im Winter geborenen bei den Müttern/Kühen bleiben können. Es ist auf jeden Fall eine Augenweide die kleinen mit den Kühen toben zu sehen und macht mich als Landwirtin sehr glücklich. 

 

*305 Tage lang gibt eine Milchkuh in der Regel Milch, bis sie 6-8 Wochen Urlaub hat/trocken steht. In der sogenannten Trockensteherphase gibt sie keine Milch mehr. 

 

**diesen Milchpreis bekommt ein Milchbauer ca. im Schnitt im Jahr 2021/Liter von der großen Meierei